Wie habt Ihr Euch verändert?
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(28.07.2012, 09:16)cardenis schrieb: Liebe Claudia!

Die Frage, wie es wohl "danach" ist, kam mir auch öfters. Aber die schiebt man weg von sich, denn obwohl man weiß, die Krankheit ist da, obwohl man hier immer mal wieder von Abschieden liest, denkt man immer irgendwo noch: Nicht wir. Wir haben noch Zeit. Bei uns wird das nicht so.

Der Verdrängungsmechanismus funktioniert perfekt! :-) Man fragt sich, wie fühlen jene, die gerade jemanden haben gehen müssen, man sieht diese Menschen an und fragt sich, wie zum Teufel schaffen die das?! Ich gehöre seit heute 9 Wochen auch zu jenen und will Dir kurz beschreiben, wie es bei uns war.

Unsere Familie ging immer sehr offen mit dem Thema Sterben um. Das heisst nicht, dass es nicht weniger weh tut, aber wir hatten den Vorteil, dass wir uns bewusst verabschieden durften und die Beerdigung genau so ausrichten konnten, wie meine Mutter es sich wünschte.

Als nun der Tag kam, wo es meiner Mutter rapide schlechter ging und es hieß:
"Sie liegt im Sterben" und Du Freunde und Bekannte anrufst, fühlt es sich an, als erzähle man von wem anders, nicht von dem eigenen Familienmitglied. Wir schalten um auf "funktionieren". Bei uns sah das so aus, dass wir alles dafür taten, unsere Ma so gut als möglich zu begleiten. Wir saßen eine Woche in ihrem Zimmer im Pflegeheim und die Welt draussen, ja die drehte sich einfach weiter! Aber die Welt da draussen interessiert in dem Moment nicht.

Es ist, wie alle anderen es immer erzählen: Man hat sehr viel Kraft um alles zu organisieren, zu tun und zu machen und fragt sich: Woher kommt die Kraft nur? Wir haben nach dem Einschlafen meiner Ma alles getan: Zimmer ausgeräumt, Beerdigung, Formalitäten. Keine Ahnung, wie ich und mein Bruder das alles gemnacht haben´, komischerweise kann ich mich nicht mehr an alles erinnern. :-|

Und nach 6 Wochen, als ich die letzte Rechnung überwiesen- ich auch den letzten Bekannten informriert hatte, als alles quasi "fertig" war, da konnte ich eines Montag morgens nicht mehr aufstehen. Körper wollte einfach nicht mehr. ich schleppte mich dann zu unserer Ärztin, welche auch meine Ma bgleitet hat. Sie lächelte nur milde und sagte: " Das war klar, das das kommt." Und dann habe ich geheult. Nur geheult! Hab mich gar nicht mehr einbekommen. Sie schrieb mich krank und ich habe ungelogen von Montag bis Mittwoch nur geschlafen, fast komatös.

Jetzt 3 Wochen später geht es mir besser. Ich war wohl einfach nur kaputt. Nun ist es so, dass ich lernen muss, eine Lücke zu füllen. Ich war nach der Arbeit immer im Pflegeheim und vor 20:30 sowas nie daheim. Jetzt bin ich um halb Sechs zuhause und die ersten Tage habe ich hier gesessen und wusste nix mit mir anzufangen. Jetzt nehme ich die Hobbies langsm wieder auf, welche ich die letzten 2,5 Jahre nicht habe wahrnehmen können und gehe zum Beispiel viel Schwimmen.

Schon jetzt merke ich folgende Veränderungen: Vieles ist mir zu oberflächlich geworden, wie manche Menschen leben, wie wenig Werte sie haben. Ich bin stärker geworden und ich habe andere Interessen, z. B,. die Hospizarbeit. Ich habe mich bewusst von 2 Bekannten "getrennt, weil unsere Ansichten nicht mehr zusammenpassen, habe dafür aber einige neue, wichtige und liebe Menschen kennengelernt.

Man schaut die Welt mit anderen Augen an!

Und auch, wenn ich meine Ma unendlich vermisse, so bin ich doch auch dankbar für die Erfahrung, die ich machen durfte. Und dafür, sie auf der Schwelle in die andere Welt begleiten zu dürfen. Und dafür, das die Bindung zwischen mir und meinem Bruder und auch meinen Tanten inniger denn je ist.

Liebe Grüße,
Carmen

Hallo Carmen,

ich habe hier im Forum einige Deiner Beiträge gelesen. 

Du sprichst mir aus der Seele mit der Schilderung Deiner Gefühle und Erfahrungen!

Liebe Grüße,
MARZADA
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