Wie habt Ihr Euch verändert?
#1
Hallo Zusammen!

Lange ist es her, dass ich hier geschrieben habe. Meine Mutter (61) hat ihre Diagnose ja vor erst 2 Jahren bekommen und wir haben durch die Stürze sämtliche Krankenhäuser Bremens mitgenommen. Dazu haben wir unser Haus aufgelöst, Rente und Pflegestufe beantragt, ein betreutes Wohnen gesucht. Alles in einer "Affennaht", man hatte kaum Zeit sich mal hinzusetzen um zu kapieren, was hier eig. geschieht...

Lange ist sie nicht im betreuten Wohnen geblieben, sie musste nochmal wegen eines Oberschenkelhalsbruches operiert werden und die Schübe der Krankheit verlaufen bei ihr so schnell, dass selbst unsere Ärzte erschüttert sind. Vor 6 Wochen nun musste sie auf die vollstationäre Pflegestation verlegt werden. Aktuell ist es so, dass sie sich kaum mehr artikulieren kann, Essen ist ihr unangenehm, bald wird das Thema PEG im Raum stehen. Bewegungsapparat funktioniert kaum noch, sie braucht also bei allem Hilfe.

Pflegestufe 3 ist beantragt und was man so mit MDK, Krankenkassen und Ämtern erlebt, muss ich wohl nicht erzählen. Erschwerend kam die letzten Monate noch hinzu, dass sich mein Partner von mir getrennt hat. Und dann stehst Du da, ohne die starke Schulter an Deiner Seite. Erfreulich ist aber, dass sich mein Bruder (31) nach anfänglicher Unsicherheit so liebevoll um unsere Mutter kümmert, dass mein Herz platzt, vor Schwesterstolz! Und "unser" Pflegeheim ist einfach nur toll! Davon ab, dass man sich dazugehörig fühlt um vom Hausmeister über die Köche bis hier zur Heimleitung jeden kennt, setzen sich alle sehr für meine Mutter ein. Wir fühlen uns dort sehr gut aufgehoben und mein Bruder und ich sind im Wechsel auch jeden Tag dort.

Wir gehen in unserer Familie sehr offen mit dem Thema Tod um, was glaube ich, auch nicht jede Familie kann. Es scheint gerade so, als durchlebe man einen Abschied "auf Raten."

Was soll ich groß sagen, Ihr wißt alle, wie es ist, einen geliebten Menschen mit der Krankheit zu begleiten: Die Wut, die Hilflosigkeit, das heimliche Weinen im Auto, wenn man aus dem Pflegeheim kommt usw.

Was mich heute einmal interessieren würde: Wie habt Ihr Euch verändert?

Bei mir ist es wie folgt:
Ich saß neulich mit Freunden an der Weser, wir haben in einem Lokal nett zu Abend gegessen. Es war nach Monaten der erste Abend, an dem ich mal an NIX gedacht habe. Ich musste ja lernen, einen großen Teil Verantwortung an das Pflegepersonal abzugeben (war nicht einfach)ich musste über meine Trennung hinwegkommen (bin ich noch nicht)aber an DIESEM Abend hab ich mich so unglaublich über das Wetter, meine olle Apfelschorle und Tapas gefreut... Was ich sagen will: Solche Dinge haben einen ganz anderen Stellenwert bekommen! früher ist man oft "mal eben" ins Kino, was Essen usw. gegangen, heute ist es etwas Besonderes. Versteht Ihr, was ich sagen will?

Neu ist auch, dass ich langfristig beruflich etwas anderes machen möchte. Ich habe einen Bürojob im Vertrieb, durch die Kontakte mit Pflegeheim, Krankenhäusern und auch einem Hospiz möchte ich später aber einmal einen Job machen, der mit mehr "Sinn" gefüllt ist. Im Herbst werde ich zum Beispiel an einem Hospizkurs für Ehrenamtliche teilnehmen.

Es hat sich schon viel geändert. Man ist stärker geworden, Ansichten haben sich geändert. Meine Mutter wurde in unserer gesamten Familie immer als "Löwenmutter" bezeichnet, hat sie uns Kinder doch allein groß gezogen, nachdem mein Vater sich trennte. Nun sagen sie "Löwentochter" zu mir.

Aber schlussendlich: ich bin soo kaputt und müde... Jetzt wo ich meine Mutter in guten Händen weiß, merke ich die letzten zwei Jahre extrem. Und ich fürchte auch, dass ich mir eine Schutzmauer gebastelt habe, an manchen Tagen kann ich nicht mal mehr weinen. Und doch brauche ich meine Kraft um sie weiterhin bestmöglich zu begeleiten. Denn: diese Aufgabe ist die schönste und zugleich schlimmste, die man als Tochter haben kann.

Wie geht es Euch?

LG
Carmen
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Wie habt Ihr Euch verändert? - von - 08.05.2012, 13:59
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